Schluss mit dem pathologischen Verdrängen
Keine Alternative zum Ausstieg aus den konventionellen Energien
Moormerland. Energiepolitik für die Zukunft - unter dieser Überschrift referierte der bekannte Bundestagsabgeordnete Dr. Hermann Scheer, Träger des alternativen Nobelpreises und Mitglied des SPD-Parteivorstandes auf einem Kleinen Bezirksparteitag Weser-Ems in Moormerland (Ostfriesland).
Die Energiefrage ist die entscheidende zu Beginn des 21. Jahrhunderts, erklärte der SPD-Bezirks- und Landesvorsitzende Garrelt Duin in seiner Begrüßung. Eine sichere Energieversorgung sei zudem grundlegende Voraussetzung für die internationale Friedenssicherung, denn auch über einen gerechten Zugang zu Energie lasse sich Frieden sichern. Duin machte deutlich: Atomkraft kann auf Dauer nicht zu unserem Energiemix gehören. Wir haben den Ausstieg aus dieser Technologie beschlossen und wir bleiben dabei.
Herzlich willkommen hieß Landrat Bernhard Bramlage die Delegierten und Gäste des Parteitages im Landkreis Leer. Er erinnerte an die zahllosen Opfer des Kernkraftwerks-Unglücks in Tschernobyl, aber auch die Vertragspraxis in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion müsse zu neuem Nachdenken über die zukünftige Energiepolitik Anlass geben. Bramlage wies auf die enorme regionale Beschäftigungswirkung durch alternative Energien wie die Windkraft hin, die zugleich ein Schritt auf dem Weg in eine örtliche gesicherte Energieversorgung darstelle.
Dr. Hermann Scheer (Foto) eröffnete seine Ausführungen mit einem Rückblick auf die Geschichte der industriellen Revolution. Ohne Dampfmaschine und Kohle wäre diese nicht möglich gewesen. In der Folgezeit sei es jedoch zu einer enormen Steigerung des Energieverbrauchs gekommen, die mit der Vervierfachung der Weltbevölkerung einher gegangen sei. In den vergangenen 50 Jahren sei doppelt so viel Energie verbraucht worden, wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Jetzt gingen jedoch die Zeiten zu Ende, wo man billige fossile Energieträger gewinnen könne. Erdöl und Erdgas seien noch ca. 40 Jahre verfügbar, Kohle 120 bis 150 Jahre und auch Uran nur noch etwa 50 bis 60 Jahre. Die Bundesrepublik sei inzwischen zu 80 % von Energieimporten abhängig, die USA zu 60 % und Japan sogar zu 95 %. Dass man bei dieser Ausgangslage noch eine Nacht ruhig schlafen könne, ist nur mit einem pathologischen Verdrängungsvorgang erklärbar, betonte Scheer.
Neben der Gefahr des Versiegens fossiler Energieträger müsse man auch die Gefahr abrupter Unterbrechungen in der Energieversorgung durch terroristische Angriffe auf zentrale Öl- und Gasversorgungszentren bedenken. Zehntausende von Soldaten würden derzeit zum Schutz solcher Einrichtungen eingesetzt, tauchten jedoch in keiner Energierechnung auf. Auch hätte es keinen Golf-Krieg gegeben, wenn in dieser Region Datteln angebaut würden anstelle Öl zu fördern. Die sinkenden Energiereserven führten zu steigenden Preisen, die absehbar in zahlreichen Ländern nicht mehr bezahlt werden könnten. Auch hierin liege die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen.
Als Ausweg sähen zahlreiche Politiker das Wiederaufleben der Nutzung von Atomenergie, mit der Folge, dass man auch den schnellen Brüter einsetzen müsse, um die Uranreserven zu schonen. Die bedeute jedoch eine Potenzierung der Gefahren. Für die Rückkehr zur Atomenergie werde von den Befürwortern zudem ins Feld geführt, dass alternative Energieträger zu wenig erforscht und zu teuer seien. Dem widersprach Scheer jedoch entschieden. Die Alternative zu fossilen und atomaren Energien ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. 15.000-mal mehr Energie als fossile und atomare Energie zusammen liefere täglich die Sonne. Dies müsse man nutzen, wenn man neben der Energiefrage auch die Probleme der Umweltbelastungen lösen wolle.
Bei der Ablösung konventioneller Energien müsse man ansetzen bei denen, die am ersten ausfallen, also zuerst das Erdöl, dann das Erdgas, dann die importierte Kohle und schließlich die heimische. Das Erneuerbare Energie-Gesetz müsse nicht nur erhalten, sondern ausgebaut werden. Seit dem Jahre 2000 seien damit sieben 1.000-Megawatt-Großkraftwerke überflüssig geworden. Bis zum Jahr 2020 könne man 80 % des Energiebedarfs aus alternativen Energien erzeugen, rechnete Scheer vor. Wer gegen eine Windenergieanlage Sturm läuft wie gegen eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, erklärte er drastisch und nannte den Umstieg auf alternative Energieträger zugleich eine einzigartige ökonomische Chance. (Remmer Hein)











